Bassum – Stührener Weg, Nordwohlde, früher Morgen. Der Wünschewagen hält am Straßenrand, hell gegen den grauen Asphalt, Sterne tanzen über die Karosserie. Drinnen, auf Decken und Kissen, leuchten dieselben Sterne wieder. Als wollten sie sagen: Du bist nicht allein auf dieser Fahrt.

Uwe Ewald wartet schon. 70 Jahre, Prostatakrebs im Endstadium. Die Krankheit hat ihn stiller gemacht, aber nicht leiser. Heute will er das Meer sehen, die Nordsee, die er als Kraftfahrer sein Leben lang in der Ferne gespürt hat, aber nie wirklich. „Ich will einfach die Küste sehen“, sagt er. Ruhig. Klar. Kein Pathos, kein Bedauern. Nur ein Wunsch.
Möglich gemacht hat das seine Nachbarin, Karina Bremer. Zehn Jahre kennen sie sich. „Und irgendwann dachte ich: Warum eigentlich nicht?“, erzählt sie. „Ich habe einfach beim ASB angerufen und gefragt, ob das geht.“ Es ging.
Zwei Frauen steigen aus dem Wagen, Kerstin Selig und Melina Kirsch, Ehrenamtliche mit offenem Lächeln und einer Ruhe, die sich sofort überträgt. Ein kleines Geschenk haben sie dabei, einen Schutzengel, schlicht, handwarm. „Für die Fahrt“, sagt Kerstin. „Damit er auf dich aufpasst.“

Behutsam geht es in den Rollstuhl, dann auf die Liege im Wagen. Karina hilft mit. Bonnie, die Hündin, kommt kurz an die Tür, als wolle sie sagen: Komm bald wieder. Drinnen keine sterile Krankenhausluft, kein kaltes Weiß. Weiche Kissen, blaue Decken mit Sternen, warmes Licht. Über der Liege glitzert der Stoffhimmel, als würde ein Stück Himmel schon mitreisen.
Christiane, seine Frau, bringt alkoholfreien Sekt. Uwe grinst. „Ich trinke keinen Alkohol“, sagt er. „Ich war Kraftfahrer, da war das nie ein Thema.“ Der Humor bleibt. Auch heute. Vielleicht gerade heute.
Um zehn Uhr geht es los. Kerstin am Steuer, Melina daneben. „Cuxhaven reicht nicht“, sagt Kerstin lachend. „Wo genau wollen Sie hin?“ – „Ich lasse mich überraschen“, sagt Uwe. Alte Liebe, Küstenheiden, Kugelbake – die Vorschläge fallen, bis er nickt. „Da will ich hin.“ Dann erzählt er, fast beiläufig, vom Ruhrgebiet, das ihm nie gefiel. Von Weihnachtsmärkten, besonders dem in Hameln. Von den großen Straßen, die sein Leben waren. „Es ist dein Tag, nicht unser“, sagt Kerstin irgendwann. „Du entscheidest, was wir machen. Und wir bringen dich hin.“
Der Himmel bleibt grau, die Straße nass, ein paar Tropfen fallen unterwegs. Die Stimmung bleibt trotzdem oben. „Ein bisschen Regen gehört einfach dazu“, sagt Karina später. An der Alten Liebe in Cuxhaven gehen sie gemeinsam zum Wasser, Wind bis Sturm, niemanden schreckt das. Fischbrötchen holen die beiden, eines extra für Uwe. „Das wollte er unbedingt“, erzählt Bremer. Später, im Restaurant, essen sie in Ruhe.
Die Kosten des Tages übernehmen die beiden Ehrenamtlichen selbst. „Wir sind geflasht von diesem Tag“, sagt Karina am Ende. Christiane nickt. „Was die beiden Mädels geleistet haben, war der Hammer. Sie haben es mega gemacht.“ Zum Abschied gibt es zwei Geschenke: einen Leuchtturm, ein Fischimitat. Kleine Erinnerungen an einen Tag am Meer.

Am Abend rollt der Wünschewagen zurück nach Nordwohlde. Uwe ist erschöpft, glücklich. „Es soll wirklich öfter gemacht werden“, sagt er. „Die Leute, die im Pflegeberuf sind und sich Zeit nehmen, um anderen eine Freude zu machen, sind gigantisch“, sagt Karina Bremer.
Beim Abschied fließen Tränen. Keine schweren. Solche, die zeigen, dass ein Tag mehr gewesen ist als ein Tag. Über der Liege, im Stoffhimmel, glitzern noch die Sterne, als der Wagen wieder davonfährt.

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