Twistringen – Malteser-Gebäude, ein stiller Nachmittag. Auf dem Tisch eine Thermoskanne, Spekulatius, ein Stück Schokolade, Kerzen, die noch nicht brennen. Der Raum hat etwas von einer Umarmung, die niemand aussprechen muss.

Fünf Menschen sitzen hier zusammen: Martin Lammers, Silke Meier-Sudmann, Petra Roeß, Barbara Getz, Margarite Bochers. Fünf, die anderen helfen, wieder ein Stück Licht zu finden, wo gerade keins ist.
Roeß lässt den Blick durch den Raum wandern, als suche sie dort die Worte. „Trauer kann viele Gesichter haben. Jeder Mensch geht anders damit um“, sagt sie. Wer wie lange bleibt, wisse man vorher nie. „Es entstehen Gruppen, die sich treffen, neue kommen dazu, andere hören wieder auf. Manche treffen sich später sogar privat weiter. Da entstehen Freundschaften.“ Entscheidend sei, dass man „aus dem sozialen Umfeld herauskommt und gleich jemanden hat, mit dem man reden kann“.
Fast alle im Kreis haben im Hospiz angefangen. Auch Margarite Bochers. Ihren eigenen Wandel beschreibt sie offen: „Früher dachte ich, ein Trauercafé wäre nur für ältere Leute. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal sowas mache.“ Erst die Arbeit im Hospiz habe ihren Blick verschoben. „Ich will nicht nur eine einzelne Person bis zum Ende begleiten, sondern auch die Familie unterstützen. Das gehört zusammen.“
Trauer, findet sie, ist noch immer ein Tabu. Lammers nickt dazu. „Traurig sein, ist nicht so cool.“ Zu Hause gebe es anfangs oft noch jemanden zum Zuhören – „aber irgendwann hat derjenige keine Lust mehr“. Dann bleibt mancher allein zurück mit seiner Trauer. Hier, im Malteser-Gebäude, bleibt die Tür offen. Für Worte, für Schweigen, für das, was dazwischenliegt.
Trauer in spe heißt die Gruppe, mit Bedacht so genannt. „Das kommt aus dem Lateinischen“, erklärt Roeß. „Es bedeutet Trauer in Hoffnung.“ Wer kommt, soll spüren: Da ist ein Licht, und sei es noch so klein. „Man bekommt Hilfe, man sieht Menschen wieder, man findet ein Stück Hoffnung. Und irgendwann leuchtet man selbst wieder.“ Vorher aber, sagt sie, seien viele erschöpft bis auf den Grund. „Das zu überwinden, ist schwer.“
Lammers erzählt von Paaren, jahrzehntelang zusammen, dann auseinandergerissen. „Da fehlt die Hälfte des Ichs.“ Deshalb beginnt der Kontakt behutsam, fast zaghaft. „Der erste Termin ist oft telefonisch. Danach hat man das Gefühl, dass man erwartet wird. Es entsteht ein Willkommen-Gefühl.“
Dann, für einen Moment, Stille im Raum. Jeder hier trägt Geschichten mit sich, die nicht loslassen. „Es gibt viele Leute, die uns am Herzen liegen“, sagt Roeß. „Das sind persönliche Geschichten. Wir lernen von allen. Wir sehen viele Facetten der Trauer.“
Manche Begegnungen aber hinterlassen auch Wunden. Lammers erinnert sich an eine besonders: „Eine Frau sagte, wenn die Mutter stirbt, sei das Schlimmste. Und eine andere meinte: Nein, wenn das Kind stirbt, ist das das Schlimmste.“ Er schüttelt den Kopf dazu. Es gehe nie darum, wen jemand verloren habe, sondern wie er damit lebt. Kein Leid lasse sich gegen ein anderes aufwiegen. Viele, die zum ersten Mal kommen, glauben, sie würden kein Wort herausbringen. „Und am Ende sind sie die Alleinredner“, sagt Roeß sanft. „Im guten Sinne.“ Trauer, so scheint es, will erzählt werden – auch von denen, die sich das selbst nie zugetraut hätten.
Am gefährlichsten ist die Weihnachtszeit. „Die Feiertage sind die gefährlichsten“, sagt Meier-Sudmann. Wessen Alltag sonst randvoll ist, den holt in diesen Tagen plötzlich die Leere ein. „Gerade zu Weihnachten fühlen sich viele völlig allein.“ Manchmal genügt schon der Gedanke, dass es einen Ort gibt, an dem das nicht so ist.
Auffällig sei auch: Manche fahren lieber in eine fremde Stadt, um über ihre Trauer zu sprechen, als am eigenen Wohnort. „Es ist einfacher, nicht im gewohnten Umfeld zu sein. Man öffnet sich schneller“, sagt Roeß dazu. So kommen sie nicht nur aus Twistringen, sondern auch aus Bassum, aus Syke, aus der ganzen Umgebung.
Ob es das alles ohne Ehrenamtliche gäbe? „Ohne Ehrenamtliche gäbe es das alles nicht“, sagt Lammers, ganz ohne Umschweife. Um die Zukunft sorgt er sich trotzdem nicht. Wege für Trauerhilfe werde es immer geben, digital oder von Angesicht zu Angesicht. „Online kann der Anfang sein“, sagt er, „um zu testen, ob man bereit ist.“ Ersetzen aber könne das persönliche Gespräch nichts. Auch um die junge Generation macht sich im Team keiner Sorgen. „Es gibt immer welche, die sich gar nicht interessieren – und andere, die sich extrem engagieren“, sagt Lammers. „So war es immer.“

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