Ein Dorf hilft seinen Flüchtlingen

Kirchlinteln – „Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre ein Schlussstrich unter unsere Demokratie.“ Pastorin Merle Oswich lässt den Satz stehen, bevor sie weiterspricht. 42 Menschen stehen zwischen den Grabsteinen auf dem Friedhof Kirchlinteln, Mäntel noch zugeknöpft gegen den Wind. Manche kennen sich seit Jahrzehnten aus der Nachbarschaft. Manche sind zum ersten Mal hier. Vier weiße Tafeln warten auf diesen Moment.

Vor 81 Jahren rückten britische Truppen in dieses Dorf ein. Ende einer Herrschaft, die viele bis heute den „Nazi-Spuk“ nennen. Heute holt die Vergangenheit das Dorf noch einmal ein – nicht als Last, sondern als Auftrag. Oswich zitiert Hape Kerkeling, dessen Worte beim Gedenken an Buchenwald gefallen waren: „So etwas wie eine Gnade der späten Geburt gibt es nicht. Es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis.“

Fünf Namen stehen hinter diesen Tafeln, auch wenn sie selbst nirgends draufstehen: Karin Küssner, Hans-Jürgen Lange, Wolfgang Rodewald, Reinhard Ries, Hermann Meyer. Monatelang saßen sie im Gemeindehaus zusammen, haben gesucht, gestritten, gekürzt, wieder verworfen. Maik Meyer gab den Ergebnissen ihre schlichte Form. Vier Tafeln, gleich im Format, ungleich schwer im Gewicht: eine für den sowjetischen Kriegsgefangenen Nikolaj Swisstun, 1915 geboren nahe Dnjepropetrowsk, gestorben 1942 auf einem Bauernhof in Kreepen. Eine für drei Kinder von Zwangsarbeiterinnen, ein Mädchen, das keine vier Jahre alt wurde, zwei Totgeburten ohne Namen bis heute. Eine für die Kriegsgräberstätte. Eine für eine Siedlung namens Gottes Gnaden.

Hans-Jürgen Lange erzählt von dieser Siedlung, die Pastor Karl Friedrich Weber 1949 und 1950 bauen ließ, für Menschen, die alles verloren hatten außer sich selbst. „Es brodelte, sagte Pastor Weber. Hier musste was geschehen.“ Die Trecks der Heimatvertriebenen hatten das Dorf auf das Doppelte anschwellen lassen. Enge Zimmer, keine sanitären Anlagen, Nerven blank. Was daraus wuchs, kam nicht von einer Behörde. Es kam aus dem Dorf selbst. „Wir schaffen das“, sagt Lange, und meint Menschen, die längst nicht mehr leben, aber deren Satz noch immer trägt.

Dann tritt Jörg Weber vor, ältester Sohn des Pastors, damals neun Jahre alt. Ein Schmunzeln, bevor er spricht. „Mir fielen zahlreiche Jugendstreiche ein, hier auf dem Dorf vollzogen. Die will ich Ihnen jetzt lieber nicht erzählen.“ Stattdessen erzählt er von dem Tag, an dem Ortspolizist und Bürgermeister durchs Pfarrhaus gingen und die Zimmer zählten. Neun Personen wohnten dort bereits. Dann kamen sieben weitere. Fünfzehn, sechzehn Menschen unter einem Dach, über Nacht. „Ich wurde ausgelagert. Aus meinem Kinderzimmer nach oben, auf den Dachboden gesetzt.“ Ein Kinderzimmer wird zum Symbol für alles, was diese Jahre den Kindern genommen und manchmal auch gegeben haben. „Was habe ich daraus gelernt, dass ein Opfer auch seine Vorteile haben kann. Dass man nicht alles nur negativ sehen muss.“

Neben ihm sein jüngerer Bruder Walter. Er kam als Säugling hierher, hat keine eigene Erinnerung an dieses Dorf, nur die Geschichte, die er von seinem Vater trägt wie ein zweites Gedächtnis. „Mein Vater ist hier bereits 1950 weggegangen. Die Ursache dafür war der Bau der Siedlung. Die Landeskirche wurde auf ihn aufmerksam. Das Christliche Jugenddorf Adelheide wollte ihn haben.“ Der Sohn folgte später demselben Weg in die Diakonie. „Sie sehen also, es gibt Langzeitwirkung, auch in solchen Situationen.“ Er blickt zur Tafel, dann zurück ins Publikum. „Ich bewundere, dass damals das Dorf tätig geworden ist. Die Kirchengemeinde und das ganze Dorf. Ein Dorf hilft seinen Flüchtlingen.“

„Ich sage jetzt nicht gestorben sind, sondern die sind ums Leben gekommen. Das ist der richtige Ausdruck dafür. Das liegt an den Bedingungen, unter denen sie geboren wurden und gelebt haben oder leben mussten.“ Zwölf Millionen Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, die meisten aus Osteuropa. Ab Ende 1942 durften schwangere Frauen unter ihnen nicht mehr heim, um zu gebären. „Die Frauen blieben hier. Die Schwangeren mussten hier ihre Kinder zur Welt bringen und so lange arbeiten.“

Die Neugeborenen kamen in sogenannte Ausländer-Kinder-Pflegestätten. Häufig umgebaute Schweineställe. „Von Pflege war aber keine Spur.“ Im nahen Armsen starben 15 Kinder, drei Wochen bis dreizehn Monate alt. Im ganzen Landkreis Verden wurden rund 300 Geburten gezählt, 134 Todesfälle. „Das heißt also, ungefähr die Hälfte der Kinder, die hier geboren sind, sind umgekommen. Und darum: Sowas darf nicht wieder passieren.“ Die Zahl bleibt im Raum stehen, lange nachdem er geendet hat.

Vor dem Steinkreuz, unter dem 35 Wehrmachtssoldaten liegen, spricht Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er zählt die Altersjahre auf, nüchtern, fast schon zu nüchtern für das, was sie bedeuten: Ein Soldat war 15. Fünf waren 16. Vier waren 17. Einer war 18. „Wenn man das hört – das sind nach heutiger Definition Kindersoldaten. Aber sie waren auch, ab dem Alter von fünf Jahren, im Sinne dieses Regimes erzogen. Was in ihrem Kopf vorherrschte, das können wir uns heute gar nicht mehr so richtig ausmalen. Viele von ihnen waren fanatisierte Jugendliche, die unbedingt noch kämpfen wollten.“

Auch über die eigene Geschichte seiner Organisation schweigt er nicht. „Eine Organisation, die auch während des Dritten Reiches tief in dieses System verstrickt gewesen ist.“ Danach der bewusste Bruch: keine Heldenverehrung mehr, nur schlichte Steinkreuze, Namen, Trauer statt Feier. Und ein Satz, den er den Anwesenden mitgibt wie eine Mahnung für die Zukunft: „Die moralisch und intellektuell einfache Unterscheidung von Tätern und Opfern befreit nicht von der Aufgabe, danach zu suchen und zu verstehen, wie Täter entstehen. Wer Opfer verhindern will, muss Täter verhindern.“

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar