Bremen – Bremen Hauptbahnhof, 14 Uhr. Zu viel. Zu viele Durchsagen, zu viele Rollkoffer, zu viele Blicke auf Uhren, die alle die gleiche Zeit zeigen und trotzdem niemandem reichen. Ich halte es drinnen nicht mehr aus. Raus. Frische Luft, sag ich mir. Eine Zigarette, sag ich mir ehrlicher. Vor der Halle. Der Wind zieht quer über den Bahnhofsvorplatz, nimmt mir beim ersten Versuch die Flamme weg. Klick. Nichts. Klick. Nichts. Ich drehe mich zur Wand, forme die Hand zur Höhle. Klick. Endlich Flamme. Ich ziehe den ersten Zug.

Ein Mann links von mir, Anzug, keine Krawatte mehr, die hängt zerknautscht aus der Jackentasche. Er telefoniert, laut, zu laut: „Ich hab doch gesagt, ich kümmer mich drum, wenn ich zurück bin.“ Zurück wovon, frag ich mich. Zurück wohin. Vielleicht kennt er die Antwort selbst nicht. Der Rauch zieht ab in Richtung Gleise, verliert sich zwischen den Menschen, die alle irgendwohin müssen. Ich schau ihm hinterher und denk an nichts und an alles gleichzeitig, so wie das eben geht, wenn man zu viel Kopf und zu wenig Zeit hat.
Neben der Tür sitzt eine Frau auf einem Klappstuhl, den sie offensichtlich selbst mitgebracht hat. Pappbecher vor sich, ein paar Münzen drin, mehr Kupfer als Silber. Sie schaut niemanden an und jeder schaut an ihr vorbei. Ich lege eine Münze in den Becher. Sie nickt, ohne mich anzusehen. Ich nicke zurück, obwohl sie’s nicht sieht. Zwei Jugendliche, Kapuzenpullover, Kopfhörer, die eine Musik teilen über ein geteiltes Kabel, uralt, altmodisch, denke ich. Sie lachen über etwas auf einem Handybildschirm. Ihr Lachen ist das einzige Geräusch hier, das nicht nach Abfahrt klingt.
Ich ziehe wieder. Am Nachbargleis rennt einer, Aktentasche unterm Arm, Krawatte im Wind, hinter einem Zug her, der schon anfährt. Er schafft’s nicht. Bleibt stehen, Hände in die Hüften, Kopf in den Nacken. Fluchen ohne Worte, nur mit dem ganzen Körper. Ein älterer Herr mit Hut – ja, ein echter Hut, keine Mütze – hilft einer Frau mit Kinderwagen die Stufen hoch, ohne dass sie fragt, ohne dass er zögert. Zwei Sekunden Menschlichkeit, mitten im Getümmel. Ich sehe es und irgendwas in mir wird ruhiger, kurz nur, aber immerhin.
Die Bahnhofsuhr springt. 14:04. Ich denk an nichts Bestimmtes mehr, nur an das Bild, das sich hier gerade zusammensetzt: hundert fremde Leben, die sich für ein paar Minuten denselben Beton teilen und dann wieder auseinanderlaufen, als wäre nichts gewesen. Die Zigarette ist fast am Ende. So schnell geht das. Ein paar Minuten, hundert Blicke, hundert Leben, und schon ist der Filter da, wo die Glut war. Letzter Zug. Letzter Blick zurück in den Trubel, der auf mich wartet, ob ich will oder nicht. Fuß drauf, aus.


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