Verden – Heiligabend. Adventsgestecke basteln. Urlaubsabend auf dem
Kreuzfahrtschiff. Es spielt keine Rolle. Wenn das Notdienst-Handy klingelt, ist
der Moment vorbei. „Das kennt meine Familie“, sagt Daniela Post. Sie spricht
schnell, denkt schneller. Strafverteidigerin. Fachanwältin für
Familien-/Arbeits- und Strafrecht. Leiterin des Strafverteidiger-Notdienstes.
Vorsitzende des Verdener Anwaltvereins. Und die einzige Frau im Landgerichtsbezirk, die bei Tötungsdelikten ohne Zögern die Hand hebt.
Die Akten lügen nicht. Zeugen manchmal schon. Für Menschen, die noch nie
in einem Gerichtssaal gesessen haben, klingt Strafverteidigung nach kühler
Strategie. Nach jemandem, der Lücken sucht und Geschichten dreht. Sie hört
das oft. „Ich erfinde vor Gericht keine Geschichten, damit mein Mandant besser dasteht.“ Eine kurze Pause. „Ich lese die Akte.“ Was das bedeutet: Sie
weiß, welche Zeugenaussagen sich widersprechen, wo die Ermittlungsbehörde etwas übersehen hat. Und sie weiß vor allem – weil sie es immer wieder erlebt –, dass Zeugen die schlechtesten Beweismittel sind. „Stellen Sie
fünf Leute hin, die alle denselben Verkehrsunfall gesehen haben. Die beschreiben ihn alle unterschiedlich.“ Was in der Öffentlichkeit als Verteidigung
von Tätern gilt, ist für sie schlicht das Handwerk des Rechtsstaates. Jeder hat
ein Recht auf ordnungsgemäße Verteidigung.

Es war einer jener Fälle, die als Schlagzeile beginnen und als Lektion enden.
Eine Mutter, Kokain im Blut, keine Kenntnis von der Schwangerschaft, keine
Erinnerung an die Geburt. Ein Kind, das auch unter intensivmedizinischer Behandlung nicht überlebt hätte. Presse und Öffentlichkeit hatten ihr Urteil
schnell gefällt. Und Daniela stand von Tag eins auf einer anderen Position.
„Diese Frau ist nicht schuldfähig. Und im Übrigen liegt keine Straftat vor.“ Sie
wurde freigesprochen. „Wenn ich mir überlege, wie sehr man da von außen
geurteilt hat. Wie sehr das durch die Presse ging. Weil es eine klasse Schlagzeile war.“
Und es gibt einen Fall, der einzigartig und unvergessen bleibt. Für Daniela
heißt er Heimu. Eine 19-jährige Frau erhängt sich in Bremen. Die Staatsanwaltschaft stellt ein: strafloser Suizid. Die Mutter ist überzeugt, dass ihre
Tochter niemals freiwillig aus dem Leben schied. Daniela legt Beschwerde
ein. Findet eine weitere Frau – aus der Psychiatrie heraus kontaktiert, suizidgefährdet, von demselben Mann manipuliert. „So baute sich dieser Fall immer weiter auf.“ Was sich entfaltet: Ein Täter, der früher wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, weil er Erhängungsszenarien inszeniert hatte. Der dann per Videochat zugeschaltet war, wenn die Frauen sich umbrachten.
„Strafloser Suizid.“ Sechs Jahre zwischen Einstellung und Verurteilung. Am
Ende: Mord mit besonderer Schwere der Schuld. Anschließende Sicherungsverwahrung. „Ich konnte der Mutter im Gerichtssaal sagen: Deine Tochter ist nicht umsonst gestorben.“ Sie hält kurz inne. „Das ist der Fall meines
Lebens.“
Man kann ihren Antrieb nicht verstehen, ohne ihre Geschichte zu kennen. Als
Kind wurde sie Opfer einer schweren Straftat. Der Täter wurde vom Amtsgericht zu Haft verurteilt – und vom Berufungsgericht zu einer Bewährungsstrafe. Ihre Stiefschwester wurde als Jugendliche von einem ehemaligen Mitschüler niedergestochen. Erst als versuchtes Tötungsdelikt eingestuft, dann als gefährliche Körperverletzung verurteilt. Eine Strafe, die sie damals nicht verstand. „Ich habe dann gesagt: Ich möchte verstehen, wie das funktioniert.“ Sie vertritt heute beide Seiten – Täter und Opfer. Und beiden sagt sie dasselbe, auf ihre Art: „Opfer einer Straftat zu werden – dafür kannst du
nichts. Aber ein Leben lang Opfer zu bleiben, ist die eigene Entscheidung.“
Im Gericht ist sie fokussiert: „Du bist in der Verhandlung wie eine Spinne, die
wartet, dass etwas ins Netz geht – und dann zuschlägt.“ Sie liest den Raum:
Wie kommt die Zeugenaussage an? Ihren Mandanten kontrolliert sie mit derselben Präzision. Kein unkontrolliertes Reden. Kein respektloses Verhalten.
„Was sie bekommen, steht im Strafgesetzbuch. Meine Aufgabe ist es, genau
hinzusehen, welcher Tatbestand erfüllt ist und welche Geschichte hinter der
Tat steht.“ Vergangenes Jahr schrieb ihr der Bruder einer Mandantin aus einem sieben Jahre alten Fall. Er sei paranoid-schizophren und er kannte die Adresse der Anwältin. Er schrieb, wann ihre Kinder hingerichtet würden. „Meine Kinder
konnten nicht allein herausgehen.“ Post trägt in solchen Phasen eine Waffe.
Nicht weil sie Angst hat. „Wenn ich anfange, mich aus Angst leiten zu lassen,
dann werde ich diesen Job nicht mehr machen.“

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