Staunen und Lebenskunst

Syke – Schwarz ist seine Arbeitsfarbe. Nicht feierlich, nicht geheimnisvoll, eher funktional. Markus Möller betritt den Raum mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der weiß, dass er gleich alles verändern wird, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Ein Koffer zuerst. Dann ein Ständer. Dann ein Plakat. Wir gehen zweimal. Beim ersten Mal fehlt etwas, beim zweiten eigentlich auch, aber er merkt es erst später. Bevor das provisorische Studio überhaupt fertig ist, sprudeln die Worte aus ihm heraus.

„Ich bin immer eine Stunde früher da“, sagt er, während seine Hände gleichzeitig den Koffer öffnen, bunte Briefe mischen, Kabel sortieren, eine Ecke des Tisches glatt ziehen. „Zum Vorbereiten. Und um zur Ruhe zu kommen.“ Ruhe ist relativ. Seine Hände sind nie ruhig. Sie bewegen sich, auch wenn sie nichts halten. Sie zeichnen Linien in die Luft, tasten den Raum ab, als müssten sie prüfen, ob alles noch da ist. Vor fünf, sechs Jahren habe er seinen Job aufgegeben, erzählt er. Zwanzig Jahre Handel, Kundenservice. Dann nur die leise Erkenntnis, dass sich etwas verschoben hatte. „Ich habe gemerkt, dass ich Menschen beeinflussen kann“, sagt er. Positiv, fügt er hinzu.

Psychologie sei dabei der Schlüssel. Kundenservice und Magie, sagt er, seien näher beieinander, als man denke. Beides arbeite auf ein Ziel hin. In der Magie sei dieses Ziel nicht Verkauf, sondern Staunen. Er spricht von Faszination in Abstufungen. Erst das Staunen, wenn jemand fragt: Wie hast du das gemacht?
Dann das Verstehen, wenn man anderen Künstlern zusieht und die Mechanik dahinter erkennt. Und schließlich das Schönste, sagt er, das Seltenste: selbst verblüfft zu sein. Erwischbar zu werden. Währenddessen räumt er weiter. Er wischt unsichtbaren Staub vom Tisch, schiebt einen Fussel ein paar
Zentimeter zur Seite, als sei er ihm im Weg. Dinge ordnen sich um ihn herum neu, fast unmerklich. Ein roter Brief liegt plötzlich auf dem Tisch. Hat er den vergessen? Oder ist das Teil seines Spiels? Ich starre einen Moment, doch bevor ich genauer darüber nachdenken kann, erzählt er weiter.

Er kann keine Elefanten verschwinden lassen, sagt er. „Das sind alles Tricks.“ Er sagt das ohne Ironie. Als wäre es ein Kompliment. Tricks seien etwas Schönes. Ehrlich. Handwerk. Er ist professionell. Die Orte zählt er beiläufig auf: Syke, Sulingen, Emden, Oldenburg. Viele Auftritte, viele Bühnen, viele Situationen,
die nicht planbar sind. Und ja, manchmal gehe etwas schief. „Die Leute merken das nicht“, sagt er. Man müsse ruhig bleiben, Probleme lösen. Sein analytisches Denken helfe ihm dabei, stehe ihm aber auch im Weg. Perfektionismus sei ein Gegner, den man nie ganz besiege. „Man lernt, ihn zu balancieren“, sagt er. „Aber es klappt nicht wirklich.“

Wenn etwas nicht funktioniere, halte er nicht daran fest. Er suche einen Ausweg, am besten einen lustigen. Der Grundsatz sei simpel. Einfach machen. Dann zieht er mich hinein. Ohne Ankündigung. Ein Ring aus Edelstahl, schwer, kühl, liegt plötzlich in meiner Hand. In der anderen eine Kette. Der Ring habe eine Geschichte, sagt Markus. Er habe ihn auf einer Reise in Asien mitgenommen. Ein Stück Erinnerung, ein Teil der Show. Ring hier. Kette da. Loslassen. Ein dumpfes, metallisches Geräusch. Der Ring ist auf den Boden gefallen. So sollte es nicht sein. Der sollte in der Kette landen. Markus lächelt kurz, fast
verschmitzt. Es funktioniere immer, sagt er. Aber nur, wenn ich „Abrakadabra“ sage. Ich sage es. Dann klappt es wirklich.

Am Ende drückt er mir den Ring in die Hand. Ich dürfe ihn behalten. Üben. Lernen. Meine Überraschung ist echt. Und die Geschichte? Die Reise? Die Erinnerung? „Ach“, sagt er, „ich fahre einfach wieder in den Baumarkt.“ Für einen Moment bin ich enttäuscht. Und dann merke ich, dass ich gerade belogen wurde. „Zauberer erzählen nicht immer die Wahrheit“, sagt er ruhig. Er zeigt weitere Tricks. Karten, die so schnell gemischt und gedreht werden, dass das Auge irgendwann aufgibt. Karten verschwinden, tauchen wieder auf, wechseln Farben. Seine Finger sind präzise, fast unverschämt schnell. Zwei Bälle liegen plötzlich als vier in meiner Hand. Real. Nicht wegzudiskutieren. Markus schaut in diesen Momenten wie ein Kind, das selbst noch überprüfen muss, ob es wirklich funktioniert hat. Ein kurzer Blick. Ein Innehalten. Ein fast
scheues Lächeln. Er wartet. Auf das Staunen.

Er reicht mir eine Karte, dass ich sie sehen kann: Herz 6. Ich halte sie zwischen meinen Fingern. Markus fängt an zu reden – über Symbolik, über die Macht der Karten. Pik sei für Tod, sagt er. Ich zucke zusammen. Gut, dass ich Liebe in der Hand habe. Dann dreht er die Karte auf meiner Hand um – und da ist sie: Pik 8. Tod. Was soll das denn? Schon wieder eine seiner kleinen Lügen, sein Spiel. Er lächelt nur und sagt ruhig: „Pik steht für Veränderung, für Neues umarmen. Das kann man nur mit ein bisschen Liebe schaffen.“

Dann holt er etwas Neues aus seinem Koffer: andere Karten. Mehrere. Jede sieht anders aus. „Such dir eine aus“, sagt er. Und natürlich weiß ich sofort: Er weiß schon, welche ich nehmen werde. Ich greife, drehe die Karte um – und da ist etwas anderes. Mein Herz lächelt: „Erwachsen werden zu wollen, war ohne Zweifel die dümmste Idee, die ich als Kind hatte“, steht auf der Karte.

Und ich stehe da, erwachsen, mit der Hoffnung, dass noch etwas passiert. Auf dem Tisch liegt noch immer der Briefumschlag. Unauffällig, fast vergessen. Am Ende nimmt er ihn, öffnet ihn. Darin stehen alle Lösungen. Jede Abfolge dessen, was gerade vorgefallen ist. Schwarz auf Weiß. Und trotzdem bleibt die Frage, wie er das gemacht hat. „Das ist das größte Geheimnis“, sagt er.

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