Blender – Hector hört nicht. Das muss man wissen, bevor man versteht, warum Berthold so viel Lebensfreude auf dieser Welt hat. Der Dackel – acht Jahre alt, braun, komplett im Tunnel – sitzt unter dem Tisch und interessiert sich für genau eine Sache: Leckerlis. Berthold zeigt auf ihn und grinst. „Wenn der eine Spur hat, ist der weg. Dann kannst du Bier trinken. Stundenlang.“ Willkommen bei Berthold Bruns, 73 Jahre, Rentner, Rollstuhlfahrer, vollzeit unterwegs.

Jeden Tag, wenn die Luft etwas kühler ist und die Sonne nicht ganz so sticht, fährt Berthold los. Ohne Hund – der hat seine drei bis sechs Kilometer morgens schon hinter sich. Die Route kennt er auswendig: von Blender nach Oiste, weiter nach Intschede, dann Richtung Morsum, zurück. Zwanzig Kilometer. Mit
dem Rollstuhl. „Ich bin sogar in der Senioren-Radlergruppe aus Blender mitgefahren“, sagt er. Letztes Jahr: knapp 4.000 Kilometer. Das Jahr davor: 5.000. Seine Frau schüttelt den Kopf – liebevoll, leicht resigniert und insgeheim stolz. „Wenn er bei 45 Grad losfährt“, sagt sie, „sage ich immer: Du bist bescheuert.“ Sie schaut ihn an. „Aber wenn er Donnerstag zur Geschäftsstelle kommt, päppeln wir ihn erst mal auf mit Wasser und Kaffee.“ Berthold nickt. „Dann bin ich kaputt. Aber Spaß gemacht hat es trotzdem.“
Der Rollstuhl kam vor zehn Jahren. Nicht über Nacht, eher schleichend – wie ein Gast, der sich erst unauffällig einquartiert, dann das Sofa besetzt. Jahrelang hatte Berthold Rückenbeschwerden, Ärzte, Diagnosen, die ins Leere liefen. Dann, kurz vor Weihnachten, der Befund: ein Tumor auf dem Rücken. Am 6. Dezember ins Krankenhaus, am 1. Februar wieder zu Hause. Und danach: Reha und langsam, ganz langsam, die Spastik. „Früher konnte ich noch frei stehen“, sagt er. 28 Jahre war er im Außendienst unterwegs – Eisenwaren, Werkzeug, ganz Norddeutschland, am liebsten Ostfriesland. „Die herrlichste Gegend, die es da gibt“, sagt er. Dann kam die Frührente, dann der Rollstuhl, dann die Frage, die sich jeder stellen muss: Wie jetzt weiter? Berthold hat sie beantwortet, indem er einfach weitergefahren ist:
Zweimal die Woche Physiotherapie. Zweimal die Woche Krafttraining. Und jeden Tag die Runde, die seine Frau zu lang findet und die er für genau richtig hält. Dazwischen: Sozialverband, Sprechstunden, Briefe schreiben, Bürgermeister nerven. Letzteres hat er über Jahre verfeinert. Der Gullydeckel vor der Einfahrt zur Thornhalle, der Rollstuhlfahrer nach vorn kippen ließ: gemeldet, geändert. Der fehlende barrierefreie Weg im Ort: drei, vier Jahre Gemeinderatssitzungen, jedes Mal wieder Berger Berthold. „Dann haben sie
den Weg gemacht“, sagt er. „Auf einmal.“ Er genießt diese Pointe sichtlich.
„Da sind Stufenbarrieren entstanden“, sagt er und hebt kurz die Hände. „Alles gerade gemacht. Da kannst du so hereinfahren.“ Er lächelt. Einmal ist er mit dem Rollstuhl nach Rotenburg gefahren. 78 Kilometer. Seine Tochter arbeitete dort in einem Restaurant. Er hat sich einen Tisch reservieren lassen, gespeist und
ist zurückgefahren. „Zurück ging es schneller“, sagt er. Bergab, vermutlich. Er nickt.
Im Sommer meidet Berthold die Mittagshitze. Nicht weil er nicht könnte – sondern weil seine Frau Grenzen setzt. „Bei 45 Grad fahre ich nicht mehr“, sagt er. Seine Frau unterbricht: „Er soll auf sich hören.“ Er schaut zur Seite. „Ich höre ja.“ Man glaubt ihm das so halb. Sein Prinzip ist simpel: Wer aufhört, sich zu
bewegen, verliert. Die Vitalität, die Selbstständigkeit, die zehn Kilo, die er sich einmal angefressen und die er in einem Jahr wieder herunterbekommen hat. „Wenn ich anfange“, sagt er, „kommt das eine, dann das andere.“ Er meint: Hilfe annehmen. Nachlassen. Liegenlassen. „Das geht nicht.“ Wenn das Pflegepersonal beim Jacke anziehen helfen will, bedankt er sich. Und macht es dann trotzdem selbst. „Einmal helfen, immer helfen“, sagt er. „Das ist immer so mein Spruch.“

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