Verden – „Was darf ich zu trinken anbieten?“ Wasser. Schon ist sie wieder unterwegs, rüber ins Wohnzimmer, wo an der Decke ein Loch klafft. Kein Wasserschaden. Ein Loch, das sie selbst hineingeschlagen hat. Für ihre Diabolos, damit sie hier hochwerfen kann, ohne dass etwas im Weg ist.

Luisa Ahrens ist 70. Man vergisst es beim Reden mit ihr sofort wieder, sie muss es zweimal sagen, bis es ankommt. „Bin ich jetzt.“ Ihre Sätze kommen wie ein Fluss, ein Gedanke zieht den nächsten hinter sich her. Wer mit der Hand mitschreibt, verliert. Im Sitzen zittert ihr Bein, leicht, ungeduldig, als würde der Körper schon zur nächsten Bewegung vorausdenken.
Mit 37 hat sie angefangen. Ein Einrad war schuld, genauer: das Einrad eines fremden Kindes. „Das möchte ich auch mal ausprobieren“, dachte sie, kaufte eins, übte allein an der Aller. Dann ein Zirkus in Tedinghausen, ein Diabolo in die Hand gedrückt von Kindern, die es ihr zeigten. „Ich war so begeistert davon, dass ich nie wieder aufgehört habe.“ 33 Jahre später ist sie Rentnerin, sagt sie, „aber nicht mit dem Zirkus.“
Kann sie mir etwas zeigen? Sie steht sofort auf. Diabolo in der Hand, Schnur gespannt, ein Trick, „das ist die Schaufel“, noch einer, „das ist die Achterbahn“. Sie erklärt beim Werfen weiter, ohne den Blick vom Gerät zu nehmen. Dann sitzt sie wieder, dann steht sie wieder auf, weil ihr ein weiterer Trick einfällt, den sie zeigen will. Fünfmal an diesem Nachmittag. Jedes Mal, als wäre es die erste Idee des Tages.
Zwei Diabolos gleichzeitig waren ihre eigentliche Hürde. „Das war schon so eine Hürde, dass ich gedacht habe, ob ich das wohl schaffe.“ Drei Diabolos hat sie bis heute nicht geschafft, sagt es ohne Bedauern, eher wie eine offene Rechnung. Ihre Schüler, die mit sieben, acht Jahren anfangen, werden es irgendwann können. Sie selbst hat spät begonnen.
Von Fehlern erzählt sie ohne Umschweife. Ein Diabolo, das bei einem Auftritt im Wind aus der Bahn kippt, während tausend Zuschauer auf dem Domplatz stehen. „Habe ich das einfach liegen gelassen, habe so getan, als soll das so sein.“ Ein gebrochener Arm, drei Jahre her, links zum Glück. „Dann konnte ich nicht mehr Diabolos spielen.“ In der Zeit hat sie einhändig Devil Stick trainiert. Aufhören stand nie zur Debatte.
Was Jonglieren mit dem Kopf macht, ist ihr genauso wichtig wie das, was es mit den Händen macht. „Es gibt da Studien darüber, dass Jonglieren die Konzentration fördert. Die Gehirnzellen wachsen beim Jonglieren.“ Beide Hälften würden trainiert, sagt sie, das Gedächtnis werde schärfer. Als Beleg liefert sie sich selbst: Sie singt im Chor, lernt Lieder auswendig, auch für ihre Enkel. „Das würde ich mit 70 Jahren nicht so können, wenn ich nicht jonglieren würde.“ Kein Zufall, findet sie, sondern Training, so wie beim Klavierspielen.
Die Kinder sind der eigentliche rote Faden. Vor 24 Jahren fing sie in der Nikolaischule an, Zirkus Nicolino, nächstes Jahr steht das 25. Jubiläum an. Dazu kamen der Zirkus Allerlei an der Pestalozzischule, der Zirkus Fantasy beim GAF, und ihr eigener, ältester: Zirkus Kabusaki, gegründet vor 33 Jahren, griechisch für Wassermelönchen. Manche ihrer ersten Schüler jonglieren heute selbst fünf Bälle oder fünf Keulen, „ich kann nicht mal fünf Bälle jonglieren“, sagt sie über einen von ihnen, mittlerweile erwachsen und Vater, damals ein Zweitklässler.
Im Tagungshaus Drüberholz ist über die Jahre eine ganze Gruppe herangewachsen, die sie nur die Drüberjugend nennt, rund 30 junge Leute zwischen 15 und 25, die als Kinder mitgebracht wurden und selbst nicht mehr aufgehört haben. Ihre eigenen Enkel, zwei, sieben und neun Jahre alt, waren von Geburt an dabei. Und die Nachbarin von gegenüber, sieben Jahre alt, hat sich nach einem Nachmittag im Mitmachzirkus ein eigenes Diabolo gekauft. „Und so geht das immer weiter.“ Sie zählt jeden Fortschritt auf, als wären es eigene Kinder, die laufen lernen. „Ich freue mich für die Leute mit, wenn die was geschafft haben.“ Deswegen, sagt sie, gebe es keinen besseren Beruf. „Der beste Beruf der Welt.“
Von den Toten erzählt sie genauso nüchtern wie von den Kindern. Als Ralf starb, einer aus der Drüberholz-Runde, der über all die Jahre immer wiedergekommen war, wollten sie zuerst singen, Kerzen anzünden, wie man das eben macht. Dann haben sie sich anders entschieden. 30 Jonglierende standen im Kreis, jeder mit drei Keulen, und passten sie sich reihum zu, einmal ganz herum. „Up, down, pass“ riefen sie, damit der Rhythmus hielt, dieselbe Formel, mit der auch Anfänger das Passen lernen. Am Ende riefen alle seinen Namen. Sie selbst hat sich nicht mit in den Kreis getraut, „weil ich dachte, das schaffe ich nicht“, sagt sie, eine der wenigen Stellen, an denen sie von einer eigenen Grenze spricht. Ein Abschied aus 90 fliegenden Keulen, kein Wort zu viel.
Was sie antreibt, wird am deutlichsten, wenn sie über Auftritte spricht, die sie heute nicht mehr macht, „zu alt, zu krumm“. Es ging ihr nie darum, sich zu zeigen. „Ich habe Auftritte gemacht, um die Menschen in dem Moment aus ihren Gedanken herauszuholen.“ Und dann, fast beiläufig, der Satz, der ihre Haltung zusammenfasst, der Name der Jongliergemeinschaft, in der sie zuhause ist: INBAZ. „Immer noch besser als zaubern.“

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