Die Welt ist behindert

Verden – Sie öffnet die Tür, bevor ich klingeln kann. Yvonne Krummrey, 33, Verden. Sie lächelt in meine Richtung. Ihr weißer Stock lehnt an der Wand wie ein alter Bekannter, den man nicht extra vorstellen muss. Auf dem Regal steht eine kleine Tonfigur, ein Männchen mit breiten Schultern. „Das habe ich gemacht“, sagt sie, bevor ich fragen kann.

Es gibt Menschen, die man sofort einordnen will. Eine Schublade aufziehen, einsortieren, schließen. Yvonne lässt das nicht zu. Nicht weil sie sich sperrt – sie ist das Gegenteil von sperrig –, sondern weil sie immer einen Schritt voraus ist. Sie unterbricht sich selbst, korrigiert, präzisiert. „Besser würde ich nicht sagen“, sagt sie, als ich frage, ob Blinde schärfer hören. „Ich würde das eher so ausdrücken: Die anderen Sinne sind mehr ausgeprägt, dadurch dass das Visuelle wegfällt.“ Ein feiner Unterschied. Ihr ist er wichtig. Das Wort „behindert“ mag sie nicht. Sie sagt das freundlich, aber bestimmt. „Für mich sind diese Menschen beeinträchtigt.“ Pause. „Die Welt ist behindert. Die Welt ist nicht geeignet für Menschen mit Beeinträchtigungen.“

Es ist eher eine nüchterne Bestandsaufnahme – ausgesprochen von jemandem, der täglich die Beweise dafür sammelt. Bauschilder auf Kopfhöhe, die ihr Stock nie erreicht. Leitstreifen, auf denen Woolworth und Tedi ihre Ware ausstellen. Neue Bäume in der Innenstadt, die ihr inneres Stadtbild durcheinanderwerfen – denn Yvonne trägt eine kognitive Karte in sich, und jede Veränderung muss mühsam eingearbeitet werden. „Ich kenne eigentlich die Hindernisse, die da stehen. Wenn dann da neue Sachen hinzukommen, dauert das, bis die in meinem inneren Bild integriert sind.“

Yvonne ist seit dem Jahr 2000 vollständig blind. Auf dem linken Auge war sie es von Geburt an. Das ist eine Zäsur, nach einem Vorher und Nachher. Nicht ihretwegen, sondern wegen der anderen. „Ich habe durch meine Erblindung meinen Freundeskreis verloren.“ Die Kinder in der Schule hätten sich noch um sie bemüht, hätten noch Verabredungen vorgeschlagen – aber dann telefonierten die Eltern zurück. Andere Termine. Tut uns leid. Und kein Zurückrufen mehr. „Ich vermute, dass die Eltern Berührungsängste hatten.“ Das ist einfach, was passiert ist. Was immer noch passiert. „Ich erlebe heutzutage immer noch, dass viele Menschen Berührungsängste haben.“ Aber sie fügt sofort hinzu: „Ich erwarte nicht, dass jemand weiß, wie man mit mir umzugehen hat. Aber man kann es lernen.“

Sie kam ins Blindeninternat. Fünf Jahre Hamburg, zwei Jahre Hannover. Dort lernte sie, was ihre Eltern ihr zu Hause nicht zugetraut hatten: sich selbst zu bestreiten. „Meine Eltern haben mich viele Jahre in Watte gepackt. Ich durfte vieles wenig oder vieles gar nicht alleine machen.“ Heute wohnt sie alleine, sie hat eine Ausbildung als Sozialassistentin abgeschlossen, den Abschluss zur Erzieherin nicht bekommen – weil man in der praktischen Prüfung entschied, sie sei keine „adäquate Kraft“. „Aber ich bin einfach Yvonne. Nicht die Blinde. Nicht die Beeinträchtigte. Yvonne.“ Seit 2017 hat sie im Universum Bremen Gäste beim Dinner im Dunkeln betreut. Im März wurde das Programm eingestellt. „Ich habe immer wieder festgestellt, dass mir die Arbeit mit Mitmenschen sehr viel Spaß macht.“

Die technische Seite ihres Alltags ist eine Welt für sich, und Yvonne zeigt sie mir mit der Begeisterung einer Entdeckerin. Sie hält ihr Handy über eine Milchpackung. Die Kamera-App liest vor: Frische Weidemilch, 3,5 Prozent Fett, pasteurisiert, homogenisiert. Dann demonstriert sie den Penfriend – einen elektronischen Stift, mit dem sie Magnete auf Dosen oder Flaschen klebt und kurze Sprachmemos darauf speichert. Sie hält den Stift an eine Dose: „Weißer Bohneneintopf.“ Und dann Be My Eyes. Sie wählt die App, ihr Smartphone verbindet sich mit einer freiwilligen Helferin in Deutschland. Yvonne fragt, wo eine Flasche auf dem Boden steht. „Geradeaus. Ein wenig mehr links.“ – „Danke, ich hab‘ sie.“ Die Verbindung trennt.

Sie überlegt, ob sie sich einen Führhund zulegen soll. 2015 gab es schon einmal eine Einarbeitung – es hat damals nicht funktioniert. Jetzt denkt sie wieder darüber nach, vorsichtig. Ein Führhund umläuft Hindernisse automatisch. Aber ein Hund braucht Betreuung, selbst wenn man krank ist. Und für diese Rolle hat sie niemanden, den sie benennen könnte. „Ich bin ein Mensch, ich dramatisiere gerne. Ich mache mir um alles Sorgen, schon vorher, bevor es überhaupt losgeht.“

Ich frage sie, was sie sich wünscht. Von der Stadt, von den Menschen. Sie denkt nach – wirklich nach, nicht pro forma. „Dass die Menschen sich mehr zutrauen, ihre Berührungsängste loszulassen.“ Und dann, fast als Nachsatz: mehr Leitstreifen, einheitliche Schildermaße, Verkaufsständer, die nicht im Weg stehen. Und noch: „Einmal mit Delfinen schwimmen.“ Und wenn man sie fragt, was sie sich wünscht – nicht für sich, sondern von der Welt –, dann antwortet sie ohne Zögern: „Mehr Respekt. Und dass diese Vorurteile ein wenig zurückgehen.“ Ein wenig. Sie formuliert es bescheiden. Die Welt könnte mehr verlangen von sich.

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