Einsteigen, bitte!

7.50 Uhr, Bahnhof Twistringen. Die Luft ist kühl, ein leichter Dunst hängt über den Gleisen. Ich komme gerade an – aber zu spät. Der Bürgerbus ist bereits weg. Pünktlich um 7.47 Uhr ist er zur allerersten Fahrt gestartet, Linie 155, durch Twistringen, Altenmarhorst, Heiligenloh und Natenstedt. Ich habe mein Auto ein Stück zu weit entfernt geparkt – offenbar habe ich meine eigene Geschwindigkeit zu Fuß etwas überschätzt.

Während ich mich auf dem Vorplatz umblicke, fällt mir ein Mann mit Koffer auf. Ich spreche ihn an – ob er weiß, wo genau der Bürgerbus hält. Manni Rickers ist sein Name. Seine Frau steht daneben, ebenfalls mit Gepäck. „Wenn Sie den Bus verpassen, müssen Sie zwei Stunden warten!“, sagt Rickers, während er den Fahrplan auf dem Handy aufruft. Kein genervter Ton, eher ein freundlicher Hinweis. Seine Frau lacht: „Der kommt bestimmt – heute ist doch der erste Tag!“ Die beiden sind offenbar besser vorbereitet als ich – und deutlich entspannter.

Wir kommen ins Gespräch. Über das neue Angebot, über die Frage, ob sie selbst mal mit dem Bürgerbus fahren würden. „Natürlich!“, sagen sie gleichzeitig. „Der hält auch, wo wir wohnen.“ Die neue Linie sei eine gute Sache, da sind sie sich einig. Und es soll noch mehr kommen: Neue Schilder, die die weißen H-Markierungen auf dem Asphalt ersetzen, eine Anschnallpflicht mit entsprechendem Hinweis.

8.30 Uhr. Plötzlich ertönt die Stimme des Mannes: „Da ist er!“ Ich drehe mich um – der Bus rollt an. Ich eile hin, noch unsicher, wie lange er warten würde. Am Steuer sitzt Wilfried Theissen, einer der ehrenamtlichen Fahrer. Die Sitze sind leer, der Innenraum riecht noch nach frischem Stoff. „Wie war die erste Fahrt?“, frage ich. Theissen schmunzelt. „Ganz gut. Noch keine Fahrgäste, aber ein paar Baustellen. Zwei Minuten zu spät.“

Die erste Runde am Morgen – Linie 155 – ist die längere Fahrt durch Twistringen, über Altenmarhorst, Natenstedt und Heiligenloh. Kein einziger Fahrgast sei zugestiegen, so Theissen. „War ja die allererste Fahrt.“ Auch Imke Morawski, Schriftführerin des Bürgerbusvereins, ist mit an Bord, um erste Eindrücke zu sammeln. „Die Baustellen sind momentan wirklich eine Herausforderung“, erklärt sie, „aber wir lernen mit jeder Runde dazu. Wir werden den Fahrplan kontinuierlich verbessern.“

8.47 Uhr, wir sind für die zweite Tour bereit. Diesmal geht es auf die Linie 156 – die über Stelle und Scharrendorf durch Twistringen bis nach Abbenhausen fährt. Noch immer sind alle Plätze frei. Ich bezahle mein Ticket: 2,45 Euro für eine einfache Fahrt. „Ganz günstig“, sage ich zu Theissen, während er mir den Bon reicht. „Weniger als einen Kaffee.“

Auf einem kleinen Bildschirm wird die Route angezeigt, mit Farben für die Pünktlichkeit gekennzeichnet. „Wenn es blau leuchtet, sind wir im Soll“, erklärt er. Das Licht ist tatsächlich blau. Ich frage weiter. „Wie wurde das alles organisiert?“ Theissen zeigt auf dem Bildschirm. Die Fahrer wurden an mehreren Samstagen geschult, das Fahrtenbuch wird geführt wie bei einer Busgesellschaft. Morawski ergänzt: „Wir arbeiten mit der Firma Borchers zusammen. Der Bus wird dort nachts abgestellt, getankt, kleinere Reparaturen übernehmen sie auch.“

Ihre Stimme wird ernst: „Das Wichtigste sind unsere Fahrer. Sie fahren pro Tag bis zu 300 Kilometer – ehrenamtlich.“ 22 Fahrer sind derzeit aktiv. Das klingt nach viel – ist es aber nicht. „Es ist eine dünne Decke“, sagt Morawski. „Wir brauchen jede Woche 15 Fahrer, damit der Betrieb zuverlässig läuft. Krankheiten, Ausfälle, Urlaube müssen mitgedacht werden. Die Hoffnung sei, dass mit der Zeit noch mehr Freiwillige dazukommen.

9.09 Uhr. „Fünf Minuten zu spät“, murmelt Theissen, wirft einen Blick auf das Kontrollfeld. „Aber das Licht ist noch blau“, fügt er mit einem Grinsen hinzu. „Sicherheit vor Schnelligkeit“, sagt er leise – mehr zu sich selbst. Doch Pünktlichkeit bleibt wichtig – das zeigt sich wenig später. Ein Ruf geht durch den Bus: „Da, die erste Passagierin!“ An der Haltestelle Blome steht Anne Benjes. Mit Rollator, aber festem Schritt steigt sie ein. Morawski begrüßt sie herzlich: „Willkommen im Bürgerbus!“ Jetzt, so scheint es, ist die Jungfernfahrt offiziell.

Benjes, hellwach und neugierig, übernimmt sofort das Gespräch: „Ich dachte, ich müsste mich anmelden“, sagt sie und lacht. Die fünf Minuten Verspätung haben ihr wohl in die Karten gespielt. Dann stellt sie Fragen, viele Fragen: „Wer steckt hinter dem Projekt?“, „Wie lange fahren die Fahrer?“, „Wie wird das finanziert?“

Morawski antwortet geduldig. Träger ist der Bürgerbusverein. Zwei Linien decken die Stadt ab, einsteigen kann man an jeder Haltestelle. Bezahlt wird mit Ticket oder Monatskarte. „Ganz unkompliziert“, sagt sie. Benjes nickt. „Ich hatte eine Operation, war lange auf Hilfe angewiesen. Der Bus gibt mir ein Stück Selbstständigkeit zurück.“ Dann schaut sie mich an: „Ich bin bestimmt nicht die Einzige hier, die nicht motorisiert ist.“

9.24 Uhr, Grundschule am Markt. Die Haltestelle von Benjes. „Ah, es wird angesagt, wo wir sind – gut“, meint sie. Zwar hätte sie auch die Haltestopptaste drücken können, doch sie erkennt die Haltestelle sofort. Sie steigt aus. Ich folge ihr, nur kurz. „Wie war die Fahrt?“ – „Ganz angenehm“, sagt sie. Wird sie wieder einsteigen? „Natürlich. Nicht jeden Tag, aber regelmäßig.“ Dann dreht sie sich um: „Ich hoffe nur, dass viele Twistringer mitfahren. Das Angebot ist da – die Fahrer auch.“ Und damit ist alles gesagt.

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