Der Mann mit der Stimme

Verden – Die Stimme kommt zuerst. Man hat Malte Kanz vielleicht schon gehört, bevor man wusste, wer er ist – bei einem Dressurturnier, in einem Werbespot, in einem Hörbuch am Sonntagnachmittag, „wenn’s
draußen regnet“. Eine Stimme, die man nicht vergisst. Dass sie das kann, hat er selbst lange nicht gewusst. Sein damaliger Chef hat ihn einfach ans Mikrofon geschickt – weil Malte seinem Neffen abends Comics vorlas. So fängt manchmal ein Beruf an. Er erzählt das ruhig. Überlegt kurz, dann kommt der Satz
fertig heraus, abgerundet.

Er steht noch einmal in der Redaktion der „Allerdings“, wo er früher gearbeitet hat. Die Stühle stehen noch. Die Menschen sind weg. Was bleibt, ist die Erinnerung an Begegnungen: jeden Monat neue Menschen, ihre Geschichten, festgehalten auf 64 Seiten. Genau dieses Prinzip – fremde Geschichten
erzählen, Menschen finden, die etwas zu sagen haben – hat er mitgenommen. Nur das Medium hat sich geändert.

Heute ist es ein Podcast. Sein eigener, mit seiner eigenen Stimme: „Kanz oder gar nicht“ – Menschen aus Verden, ihre Geschichten, ihr Bezug zu diesem Ort. Eine Frage stellt er immer als Erstes – nach einem Gegenstand, der für den Gast die Stadt bedeutet – und genau die findet er bis heute am spannendsten. Eine Frau brachte einen Amethysten, der ihn beschützen soll. Ein Mann ein Stück Holz aus einer Kneipe, die es nicht mehr gibt. Ein Autor sein eigenes Buch, weil es Orte aus dem Landkreis beschreibt. Manche Gäste sucht er sich aktiv, gut vernetzt, hört sich um, fragt nach. Andere schreiben ihn an, wollen mitmachen. Das findet er erst mal seltsam – „ein wenig Geschmäckle, sich selbst einzuladen“ – sagt aber
zu, weil er nicht jede Geschichte selbst kennen kann.

Mehr True Crime wünscht er sich. Kriminalfälle aus der Region, aus der Nähe beleuchtet. Mit einer Staatsanwältin steht er dazu im Gespräch. Einen bestimmten Gesprächspartner sucht er noch: jemanden nah an einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren – nicht die Angeklagte selbst, eher jemanden aus ihrem Umfeld, jemanden, der erzählen kann, ohne sich zu rechtfertigen. Mit einem Täter direkt sprechen, das traut er sich nicht ohne Vorbehalt. Sein Vorbild: ein Format auf Netflix, in dem ein Journalist eine
Frage stellt und die Antwort einfach stehen lässt, ohne Nähe, ohne Kommentar. „Er lässt die Distanz.“

Diese Distanz, sagt Malte, habe er selbst bisher nicht. Und die Angst, dass die Familie eines Opfers seinen Podcast hört und denkt, er gebe dem Täter eine Bühne, hält ihn zurück. Vorher würde er die Angehörigen einbeziehen. „Das wäre für mich selbstverständlich.“ Klare Grenzen trotzdem: keine Politik,
keine rechten Stimmen – „das hat bei mir so was von gar keinen Platz“. Auf Augenhöhe will er sprechen, mit Reibung, ohne abzuwerten.

Dann fällt das Wort Pferde, und etwas kippt. Die Pausen verschwinden. Die Hände sind auch nicht mehr still – sie zeichnen jetzt eine Bewegung in die Luft, die Bahn eines Turniers, den Galopp eines Pferdes. Er überlegt nicht mehr, bevor er antwortet. Er ist im Fluss. Ein Satz zieht den nächsten nach sich. Mit sechs
Jahren wollte er reiten. Die Reitlehrerin schickte ihn erst zum Voltigieren. „Ich wusste nicht genau, was Voltigieren ist, wusste aber, dass das was mit Akrobatik zu tun hat – und ich das Pferd nicht für mich alleine hatte. Oh nein.“

Bremer Vizemeister 1988. Ein Junge, dem ein geteiltes Pferd für den ersten Sieg
reichte. Nach dem Umzug nach Verden, mitten in der Pubertät, war es der Nachbar Fritz, Pferdezüchter, der ihn endgültig festhielt: „Da war ich natürlich jeden Tag nach der Schule. Vor der Schule. Quasi Tag und Nacht.“ Geputzt, gefüttert, bei Fohlengeburten dabei gewesen. Nie ein guter Reiter, sagt er selbst –
„aber das ist egal. Es hat mir einfach immer Spaß gemacht.“

Eine Leidenschaft, für die er brennt: Malte kommentiert Dressurturniere für den Streaming-Sender „Clipmyhorse“. Fährt nach München. Setzt ein Headset auf. Beschreibt, was er sieht – und wie. „Ich bin eher: wildes Afrika. Eine Dokumentation am Sonntagnachmittag, wenn’s draußen regnet. Die Stimme, die eigentlich nicht da ist.“ Und dann eine Grenze, die er selbst nicht überwinden kann: Schauspielern kann er nicht, sagt er offen. Synchronsprecher hat er probiert, „das ist gar nicht meins“. Es fehle ihm das Talent, in eine Rolle zu schlüpfen. Hier holt die KI ihn ein. Ein Hörbuch, das er früher in
einer Woche eingesprochen hat, entsteht heute in einer Viertelstunde, hochgeladen, fertig. „Das kostet viele Jobs.“ Den Unterschied, glaubt er, hört man trotzdem – „an der Emotionalität, an der Nuance, am kleinen Ort, den eine KI falsch ausspricht und über den jeder Einheimische sofort stolpert“. An der Kasse im Supermarkt hat ihn mal jemand erkannt. Der Mensch dreht sich um: „Die Stimme kenne ich.“ Malte lächelt: „Kann die KI das? Das ist unbezahlbar.“

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