Neun Sekunden Einsatz

Verden – „Macht ihr mit beim Breakdancer? Die Ansagen?“ Mein Ressortleiter stellt die Frage so beiläufig. Pauline und ich schauen uns an. Kurz. „Klar“, sage ich. Wir sind Journalisten. Wir reden. Das ist, was wir die meiste Zeit tun. Was soll also schon sein? Ein Karussell. Das ist, was schon sein kann.

Pauline, die sonst für jedes Abenteuer zu haben ist, steht neben mir und wirkt angespannt. Das ist beunruhigend. Wenn Pauline angespannt ist, hat auch mein Gehirn das Recht, die eigene Lage neu zu bewerten. Ich bewerte. Ich komme zu keinem beruhigenden Ergebnis. Der Breakdancer dreht. Gondeln schießen heran, schwingen zurück, drehen sich um die eigene Achse, schießen wieder heran. Über allem liegt eine Stimme – tief, verzerrt. „Ou — ouuuu.“ Ich versuche, Wörter zu isolieren. Die Musik frisst die Konsonanten.

Die Vorstellung war eigentlich folgende: Wir moderieren eine ganze Fahrt. Wir animieren, wir feuern die Leute an, wir schreien in das Mikrofon, wir sind dabei. Ein richtiger Einsatz. Wie das genau funktioniert – keine Ahnung. Ich male mir das Ganze aus, während die Gondeln drehen. „Meinst du, er hat das so
gelernt, oder kommt das einfach so?“, frage ich Pauline. Sie hebt nur die Schultern. Ich zähle zur Ablenkung. Genauer gesagt: Ich zähle die Kuh. Es gibt auf diesem Karussell nur eine. Keinen Stier. 28 Umdrehungen pro Minute, drei Minuten Fahrt – das macht 84 Mal diese Kuh. Die Hauptplattform dreht sich dazu noch 42 Mal. Ich weiß nicht, warum ich das ausrechne. Mein Gehirn macht das einfach. Es ist seine Art, mit Situationen umzugehen, die es nicht kontrollieren kann.

Bei Durchgang 20 fragt die Stimme: „Wollt ihr noch schneller?“ „Jaaaaa!“, schreien die Kinder. Natürlich schreien sie das. Kinder haben keine Vernunft. Oder – dieser Gedanke trifft mich mit unerwarteter Wucht – Kinder haben einfach keine Angst. Ich schon. Ich frage Dennis, ob er auch mitmachen wolle.

„Nein!“ Ein nacktes, glattes, entschiedenes Nein. Er wird uns filmen. Mein Magen gibt einen kurzen Kommentar ab, den ich ignoriere. Pauline schaut mich ab und zu an. „Gleich geht’s los“, sagt sie verzweifelt. „Das wird doch“, antworte ich – und meine dabei vor allem mich selbst. „Ou — ouuuu.“ Das Karussell wird langsamer. Neue Gruppe steigt ein. Neues Lied.

Da ist der Chef. Der Raum, in den er uns führt, ist klein, ziemlich dunkel. Knöpfe. Viele Knöpfe. Und Tasten mit Beschriftungen, die mich sofort interessieren: „Bereit.“ „Steuerung ein.“ „Stopp Radscheibe.“ „Blitzer.“ Ich will alle drücken. Die Stimme hat jetzt einen Namen: Patrick Panetta. Er sitzt entspannt, eine Hand auf der Hüfte, die andere auf einem Tableau mit Keywords. Er macht das seit zehn Jahren. „Learning by doing“, sagt er. „Guckt euch einfach an, wie ich das mache.“

„Dürfen wir die Tasten drücken?“, frage ich. „Gerne“, sagt er. „Aber nicht während der Fahrt. Sicherheitsgründe.“ Vernünftig. Schade. Dann höre ich ein Klicken. Ein mechanisches, präzises Click. Woher? Ich schaue nach unten: ein Pedal, das die Stimme verzerrt. Der Bass, das Rumpeln, das „Ou – ouuuu“ – alles kommt von diesem kleinen Ding unter dem Schuh. Knopf nach links drehen – die Gondeln ändern die Richtung. Knopf nach rechts drehen – zurück. „Blitzer“ gedrückt: Hier dreht alles durch.

Was ich dann erfahre, ändert meine Perspektive auf das alles: Das hier ist ein Beruf mit Namen. Rekommandeur – so heißt das. Ich finde das faszinierend auf eine Weise, die Pauline vermutlich nicht teilt, aber ich kann nicht aufhören, nachzufragen. „Wie lange hat das gedauert, bis du das draufhattest?“ Patrick überlegt kurz. Das Animieren, sagt er, sei das Schwierige. Fast ein Jahr hat er gebraucht, um das hinzubekommen. Nicht die Technik, sondern das Gespür dafür, wie eine Menge gerade drauf ist, ob sie schneller will oder langsamer, ob sie einen Witz versteht – das kommt mit der Zeit. Ich schaue Pauline an.
Ich kann meinen Gedanken nicht verbergen: „Dann ist es doch nicht schlimm, wenn wir das nicht hinbekommen, oder?“ Sie schaut mich schief an.

Es gibt hier keinen Countdown. Keine feste Fahrzeit, keine Digitalanzeige. Stattdessen eine Party-Playlist. Die Fahrt dauert so lange wie ein Lied. Zwei Minuten. Vier Minuten. Die Musik entscheidet. Pauline fängt an. „Seid ihr noch da?“, sagt sie. Leise. Fast höflich. „Du musst lauter reden!“, ruft Patrick. Sie zögert. Aber dann macht sie es noch einmal. Laut dieses Mal. „Wollt ihr langsamer oder schneller?“ Ihre Stimme trägt über die Musik. Sie versucht sogar ein „Ou – ouuuu“. Ich werde ihr das nie sagen, also schreibe ich es auf: Es klingt gut. Viel mutiger, als ich ihr zugetraut hätte.

Jetzt bin ich dran. Was sagt man? Ich entscheide mich für das Naheliegende: „Jetzt dreht alles durch, seid ihr bereit? Ich will die Hände in der Luft sehen!“ Kein einziger Finger hebt sich. Ich schäme mich – und zwar genau in dem Moment, in dem mir bewusst wird, dass Dennis sein Handy auf mich gerichtet
hat. Er filmt. Er hat immerzu gefilmt. Das war es dann. Die große Moderation. Die ganze Fahrt, die wir animieren wollten – 180 Sekunden. Pauline zwei Sätze, ich zwei Sätze, sehr demokratisch. Beide zusammen etwa neun Sekunden Einsatz. Weder Pauline noch ich werden diesen Job machen. Aber das „Ou, ouuu“ – das übe ich noch.

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